Männerschnupfen wird oft für den Inbegriff männlicher Wehleidigkeit gehalten – kaum niest und hustet der Mann, verlangt er Rücksichtnahme und meldet sich krank. So wenigstens will es das Vorurteil. Tatsächlich aber ist Männerschnupfen ein medizinisches Phänomen, hinter dem eine ebenso schlichte wie in ihren Folgen weitreichende Wahrheit steckt:

Männer sind anders krank als Frauen,
Frauen sind anders krank als Männer

Nicht nur die Symptome können grundverschieden sein. Auch in der Wirkung der Arzneimittel gibt es enorme Unterschiede. Was den eingangs erwähnten Männerschnupfen angeht, so zeigen Männer tatsächlich oft stärkere Symptome als Frauen. Der Grund ist ein im Vergleich zur Frau weniger leistungsstarkes Immunsystem.

Unterschiedliche Erkrankungsrisiken,
unterschiedliche Symptome

Es gibt weitere Ungleichheiten: Frauen leiden öfter als Männer unter einer Infektion der Harnwege. Grund sind die kürzeren Harnwege. Bei Männern hingegen treten Infektionen der Harnwege eher im Alter auf und hängen meist mit einer vergrößerten Prostata zusammen.

Manche Erkrankungen gelten sogar als typisch oder ausschließlich weiblich, sind es aber nicht. Osteoporose etwa betrifft Frauen zwar fast fünfmal häufiger. Doch sie kommt auch bei Männern vor. Allerdings denkt bei einem Mann mit Knochenbruch kaum jemand an diese Grunderkrankung – eine entsprechende Therapie unterbleibt.

Ein weiteres Beispiel ist der Herzinfarkt: Während Männer bei einem Herzinfarkt einen akuten starken Schmerz im Brustkorb mit Ausstrahlung in den linken Arm bemerken und unter akutem Angstempfinden leiden, sind bei Frauen Schmerzen im Oberbauch oder Rücken, Schwindel, Atemnot und Übelkeit charakteristisch. Wenn diese Symptome nicht richtig gedeutet werden, setzt die Behandlung erst spät ein – und nicht selten zu spät.

Warum entwickeln Frauen und Männer
unterschiedliche Symptome?

Der Grund für ein unterschiedliches Kranksein von Frauen und Männern liegt darin, dass Frauen und Männer biologisch anders funktionieren. Nicht komplett anders, doch der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Genauer gesagt: in vielen Details.

Es beginnt damit, dass Männer und Frauen unterschiedliche Geschlechtschromosomen haben. Die wiederum sorgen u. a. dafür, dass Körperfunktionen wie beispielsweise die Verdauung oder das Herz-Kreislaufsystem geschlechtsspezifische Besonderheiten aufweisen. Die Unterschiede im Verdauungssystem aber führen dazu, dass Medikamente unterschiedlich verstoffwechselt werden und eine andere Wirkung entfalten können.

Frauen und Männer haben des Weiteren unterschiedlich viele Rezeptoren für Medikamente, einen abweichenden Tagesbedarf bei vielen Vitaminen und Mineralstoffen und auch andere Normbereiche bei den Blutwerten. Frauen verfügen aufgrund des Geschlechtshormons Östrogen über eine stärkere Immunabwehr.

Hingegen sind bei Männern aufgrund des größeren Blutvolumens die Organe besser durchblutet – auch das kann die Wirksamkeit von Medikamenten beeinflussen. Und aufgrund der biologischen Unterschiede braucht eine Tablette für den Weg durch Magenund Darm einer Frau ungefähr doppelt so langewie bei einem Mann. Auch der Abbau von Wirkstoffen in der Leber dauert länger.

Aufgrund dieser und weiterer Unterschiede sind Männer und Frauen anders krank und reagieren auch anders auf Arzneistoffe. Doch auch im Gesundheitsverhalten gibt es Unterschiede: Frauen neigen häufiger als Männer dazu, die ärztliche Medikation durch frei verkäufliche Präparate zu ergänzen oder gar ganz zu ersetzen. Das führt mitunter zu weiteren Problemen. Denn nicht alles frei Verkäufliche ist wirksam und ungefährlich, auch kann es zu Wechselwirkungen mit verordneten Präparaten kommen.

Unterschiede fanden bislang in der
Forschung zu wenig Berücksichtigung

Die Frage, warum denn in der Arzneimittelforschung kaum Rücksicht auf die Unterschiede zwischen Mann und Frau genommen wird, führt zu einigen Standards in der Forschung, die bis in die 1990er Jahre kaum problematisiert wurden. Da aber ein Großteil der heute verordneten Medikamente aus dieser Zeit oder noch früheren Jahren stammt, gibt es kaum Erkenntnisse bezüglich der unterschiedlichen Wirksamkeit.

Es beginnt bereits damit, dass in Tierversuchen fast ausschließlich männliche Tiere verwendet wurden, weil der weibliche Hormonzyklus die Testergebnisse beeinflussen kann. Die überwiegende Konzentration auf männliche Probanden setzt sich bis in die klinischen Studien am Menschen fort.

Erst seit 2004 müssen in Deutschland durchgeführte klinische Studien geschlechtsspezifisch unterschiedliche Wirkungsweisen von Medikamenten untersuchen. Das wird jedoch häufig dadurch umgangen, dass Studien teilweise ins Ausland verlagert oder auf mehrere Länder verteilt werden. Es bleibt also noch viel zu tun.

So unterschiedlich können Medikamente wirken

ACE-Hemmer:
Bei Frauen tritt Reizhusten als Nebenwirkung
häufiger auf als bei Männern.
Aspirin zur Vorbeugung gegen
Herzinfarkt oder Schlaganfall:

Hier profitieren vor allem Männer.
Betablocker:
Frauen benötigen oft eine niedrigere Dosierung.
Chemotherapie bei Krebs:
Frauen und Männer verarbeiten die Medikamente
teilweise unterschiedlich und vertragen sie auch
nicht gleich gut.
Diuretika:
Muskelschwäche und Herzrhythmusstörungen
als Nebenwirkung sind bei Frauen häufiger
als bei Männern.
Impfungen und antivirale Therapien:
Frauen zeigen oft eine stärkere Abwehrreaktion
und leiden verstärkt unter Nebenwirkungen
Schmerzmittel:
Die benötigte Menge ist (bezogen auf das
Körpergewicht) bei Frauen oft geringer.